Abschiedsbrief an Loris

Lieber Loris,

Während 11 Monaten warst du wohlbehütet im Leib von Lolita, welche dich ernährt hat. Am Ende lagst du schwimmend in der Fruchtblase in wohliger Wärme.
Oft hab ich gespürt wie du gestrampelt hast und ich freute mich auf den kräftigen kleinen Kerl der da heranwächst.
Letzen Sonntag spürte ich dich noch ganz deutlich und sagte dir, dass es langsam an der Zeit wäre, deinen schützenden Ort zu verlassen und auf diese Welt zu kommen. Gestern war ich noch in der Ajoie wo ich einen tollen Platz für dich gefunden habe.

Ich wollte dich im Oktober dort hin geben, damit du mit gleichaltrigen über die riesigen Wiesen tollen kannst und deine Kräfte messen kannst im wilden Spiel und langen Galopaden. Leider sollte es nicht so weit kommen. Heute morgen früh als ich nach Lolita schauen ging, lagst du im dicken Stroh, du sahst so friedlich aus, die Augen geschlossen, als ob du schlafen würdest. Aber ich spürte es sofort dass du tot bist. Das du den Kampf verloren hast und jetzt schon im Pferdehimmel mit all deinen Leidensgenossen herumtobst.
Ich mache mir solche riesigen Vorwürfe, hätte ich doch nur mein Nachtlager bei deiner Mutter aufgeschlagen, vielleicht hätte ich dir helfen können. Der Tierarzt sagte mir heute morgen, dass du vielleicht schon in deiner Mutter gestorben bist.
Mit Sicherheit kann man es auch nicht sagen.
Eine Autopsie hätte gezeigt ob du eventuell an einem Virusabort gestorben bist.
Aber sollte ich dieses hübsche und perfekte Fohlen, dass so friedlich da lag wirklich dem Skalpell überlassen? Es macht dich auch nicht wieder lebendig, wenn wir die ganze Wahrheit wissen. Für mich war es menschliches Versagen.

Ich habe dich kläglich im Stich gelassen, als du mich vielleicht dringend gebraucht hast.
Auch deine Mutter vermisst dich.
Als der Tierarzt dich von ihr weg-nehmen wollte, ging sie auf ihn los. Sie kann auch nicht begreifen, dass das kleine süsse Wesen, welches sie unter Schmerzen zur Welt gebracht hat, nicht lebt und nicht versucht aufzustehen um von ihrer süssen Milch zu trinken, welche jetzt nach der Geburt eingeschossen ist.
Gestern hatte sie noch fast keine Euter, die Milchstränge waren gut ausgebildet aber die Milch ist noch nicht in die Euter geschossen und auch die vielerwähnten Harzzäpfchen fehlten.

Deine Mutter ist mit den anderen Pferden auf der Weide, aber sie hat dich nicht vergessen, sie schaut oft zum Stall rüber und ruft dich. Auf der Internetseite:
www.horses.ch habe ich unter SOS poulain gesehen wie viele Mütter und Fohlen schon in diesem Jahr gestorben sind. Leider konnte ich kein Fohlen finden, welches eine Amme sucht und so muss sich Lolita leider damit abfinden, dass sie sich nicht rührend um ihren Sohn kümmern kann, wie sie es ganz sicher mit dir gemacht hätte.

Ich werde mich besonders um sie kümmern und mich viel mit ihr beschäftigen, damit sie über deinen Verlust möglich bald hinwegkommt.

Du aber, lieber Loris, wirst stets in unseren Herzen bleiben.